Sensorialistische Literatur
Jeden Monat werden drei Bücher hervorgehoben, die durch ihre Fähigkeit bestechen, ein bestimmtes Thema oder einen bestimmten Gegenstand zu erhellen, zu erleuchten und vielleicht sogar zu beleben – und so das neueste Kapitel in Aesops langjähriger Verbundenheit mit der Literatur sowie der geschätzten Partnerschaft mit Penguin Random House bilden.

Erzählungen persönlicher Verwandlung sind allgegenwärtig, und die gesellschaftliche Fixierung auf Neuerfindung speist zahllose Branchen, die mit Stil, Wohlbefinden und Schönheit verknüpft sind. Doch warum sollte man beim Verbessern der eigenen Fitness oder beim bloßen Wechsel der Haarfarbe Halt machen? In Kafkas „Die Verwandlung“ erwacht der Protagonist Gregor Samsa eines Morgens im Körper eines namenlosen Insekts, möglicherweise einer Kakerlake – die Möglichkeiten innerhalb der hypothetischen Welt der Literatur sind zumindest im übertragenen Sinne schier grenzenlos.
Diese Geschichten der Verwandlung, so unorthodox sie der zeitgenössischen Vorstellungskraft erscheinen mögen, haben den Leser:innen seit jeher den Raum eröffnet, über die Begrenzungen der menschlichen Erfahrung nachzusinnen – und darüber, was es überhaupt bedeutet, lebendig zu sein. Durch sie gelangen wir nicht selten zur Erkenntnis, dass bestimmte Gegensätze und Einschränkungen, die von historischen Machtstrukturen auferlegt wurden, in Wahrheit trügerischer Natur sind.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb das Surreale derzeit eine Art Wiederbelebung erfährt: Nachfolgende Generationen stellen diese Regeln infrage und fühlen sich zu Erzählungen hingezogen, die die Vorstellungskraft anregen und den Leser:innen die Möglichkeit geben, neu zu überdenken, wer sie sind und wie sie leben. Darum wurden alle drei hier hervorgehobenen Texte bei ihrer Veröffentlichung mit Lob und kritischer Anerkennung bedacht – und ziehen bis heute Leser:innen in aller Welt in ihren Bann.
Empfohlene Lektüre
Rachel Ingalls, Mrs. Caliban
Eine verwandte Geschichte von Liebe zwischen den Spezies – in der unsere Protagonistin selbst keine Verwandlung durchläuft, jedoch für immer verändert wird durch die liebevollen Begegnungen mit einem reptilienhaften Wesen von mythischen Ausmaßen. Dieses moderne Klassikerwerk ist von kompakter Gestalt und dennoch von unvergleichlicher Eindringlichkeit; es bildete die Inspiration für den Oscar-prämierten Film von Guillermo del Toro, The Shape of Water.
Freundschaft

Für viele ist das Kennzeichen eines großen Romans jenes Gefühl des Verlustes, das sich beim Erreichen der letzten Seiten einstellt. Während sie gedankenverloren die abschließenden Danksagungen überfliegen, nehmen sie Abschied von den Figuren, mit denen sie eine Bindung eingegangen sind – jenen fiktiven Persönlichkeiten, die zumindest für eine Weile zu Gefährt:innen geworden sind. Geschichten über Freundschaft besitzen eine besondere Kraft, ein solches Empfinden hervorzurufen; es sind Erzählungen, die Erinnerungen an Heiterkeit wecken mögen, vielleicht an die eine oder andere kleine Auseinandersetzung – und daran, wie man gemeinsam die Hürden des Lebens überwindet.
Während das angeborene Verlangen, von anderen verstanden zu werden, ein universeller roter Faden in Geschichten über Freundschaft ist, eröffnen diese Erzählungen den Leser:innen zugleich neue Perspektiven – durch unterschiedliche Lebensumstände und unerwartete Formen der Verbundenheit. Man denke etwa an die prägenden Beziehungen in Margaret Atwoods Cat’s Eye, das den nachhaltigen Einfluss stürmischer weiblicher Freundschaften erkundet, oder an die unterschiedlichen Hintergründe der vier Freunde in Hanya Yanagiharas A Little Life, in dem ein Schauspieler, ein Maler, ein Architekt und ein Anwalt versuchen, in New York „ihren Durchbruch“ zu schaffen. Freundschaftsgeschichten sind nicht nur auf uns Homo sapiens beschränkt – man erinnere sich an Frances Prices innige Bindung zu ihrem geliebten Kater Small Frank in Patrick DeWitts köstlich ironischem French Exit, oder an die Beziehung zwischen einem Roboter und seinem Schützling in Kazuo Ishiguros Klara and the Sun – mehr dazu weiter unten.
C. S. Lewis schrieb einst: „Freundschaft entsteht in dem Augenblick, in dem eine Person zu einer anderen sagt: „Was! Du auch? Ich dachte, ich wäre die/der einzige.“ Dasselbe lässt sich über die Bücher sagen, die sie dokumentieren; die Studien der Romanautor:innen über Verbundenheit helfen uns, die Komplexität, die Freuden, die Missgeschicke und die Wunder jener Familien zu entschlüsseln, die wir uns selbst erschaffen. Mitunter spannungsvoll, niemals langweilig – Freundschaften werden stets fruchtbarer Boden für Schriftsteller:innen und Leser:innen sein.
Empfohlene Lektüre
Mieko Kawakami, Heaven
Trotz seiner schlanken Gestalt strahlt dieser Roman eine zutiefst bewegende Kraft aus – ganz wie seine jugendlichen Protagonist:innen. Auf der Shortlist des International Booker Prize 2022 erzählt die Geschichte von zwei Schüler:innen, die durch die gemeinsame Erfahrung unerbittlichen Mobbings verbunden sind und nach einem Ort jenseits der Qual suchen – sei es in der Realität oder in der Vorstellung. So unerschrocken der Roman Gewalt beschreibt, so eindrucksvoll zeigt er zugleich, wie Freundschaft selbst in den schwierigsten Zeiten Trost und Momente der Freude schenken kann.
Andrew O’Hagan, Mayflies
Manchester, 1986. The Fall, New Order und The Smiths stehen bei einem Festival auf der Bühne, und eine Gruppe wenig charmanter Männer genießt ein ausgelassenes Wochenende voller Musik und Exzesse. Was folgt, ist die Geschichte einer männlichen Freundschaft (und ihrer Zerbrechlichkeit), denn dreißig Jahre später hat sich das Band zwischen den beiden Anführern der Gruppe, James und Tully, gewandelt. So hinreißend witzig wie zutiefst berührend, wurde Mayflies von Carol Ann Duffy als „einer jener Romane beschrieben, die man Freund:innen unbedingt in die Hand drücken sollte“. Eine Geschichte also, die sich empfiehlt, mit den eigenen Gefährt:innen zu teilen.
Kazuo Ishiguro, Klara and the Sun
Obwohl Ishiguros Erzählung über die Bindung zwischen einer solarbetriebenen AF (Artificial Friend) und dem Mädchen, das sie auswählt, dem Reich der Science-Fiction entstammen mag, ist sie zugleich ein Roman, der den Kern der Freundschaft berührt – das Warum, das Wie und das Was dieser instinktiven Bande. Durch die Augen von Klara, der AF, werden familiäre Beziehungen und Freundschaften mit einer aufschlussreichen Naivität dargestellt. Die Leser:innen werden daran erinnert, dass Verbundenheit – wie die Sonne selbst – für alle Menschen unverzichtbar ist, und sie werden dazu angeregt, sich zu fragen, ob sie in der Zukunft vielleicht ebenso essenziell für ihre künstlichen Gefährt:innen sein wird.
Mut

Queere Geschichten werden oft als „aus den Randbereichen kommend“ beschrieben – es sind Erzählungen des „Andersseins“, die verborgene Leben beleuchten, verborgen im Schatten gesellschaftlicher Zwänge. Und doch greift eine solche Sprache, so treffend sie die Marginalisierung von LGBTQIA+-Stimmen durch diskriminierende Gesetze und Ideale beschreibt – eine Marginalisierung, die in manchen Bereichen bis heute fortbesteht –, zu kurz, wenn es darum geht, die innewohnende Kraft des queeren Storytellings und die Stärke der dahinterstehenden Gemeinschaft zu erfassen.
Heute, vielleicht mehr denn je, fühlen sich viele Autor:innen ermutigt, Narrative zu teilen, die nicht auf Assimilation abzielen, sondern auf Selbstbehauptung. Sie erkunden neue Ausdrucksformen, die Genres verwischen, Ideale infrage stellen und als Katalysatoren für Diskussionen dienen. Hier, in den Randbereichen, finden sich einige der mutigsten, aufregendsten und zum Nachdenken anregendsten Stimmen der zeitgenössischen Literatur.
Dieses neu erwachte Gefühl ungezügelter Kreativität zeigt sich in einer frischen Welle queerer Autor:innen, deren Figuren, Handlungsstränge und Offenheit die vertrauten Themen von Scham und Geheimhaltung durchbrechen, die lange Zeit mit LGBTQIA+-Narrativen verknüpft waren. Man denke etwa an Vivek Shraya und ihr Werk I’m Afraid of Men, das ihre Erfahrungen als trans Frau beleuchtet und zugleich toxische Formen von Männlichkeit kritisiert, oder an den kanadischen First-Nations-Two-Spirit-Autor Joshua Whitehead und seine Arbeiten, die die Schnittstellen von Indigenität und Queerness hervorheben. Solche kompromisslosen Stimmen offenbaren die Kraft von Büchern, neue Kapitel der queeren Geschichte aufzuschlagen – und Stück für Stück eine inklusivere Sicht darauf, was es bedeutet, LGBTQIA+ zu sein.
So deutlich die Fähigkeit queerer Literatur ist, positiven Wandel zu bewirken, so unbestreitbar bleibt die Tatsache, dass in vielen Ländern die Möglichkeit, solche Narrative zu feiern, eingeschränkt ist. Während die nächste Reihe der Aesop Queer Libraries weltweit eröffnet wird, denken wir an all jene Geschichten, die vielleicht in ein Notizbuch oder einen Brief geschrieben wurden, aber niemals für das Regal bestimmt waren; an die Erzählungen, die unter engen Freund:innen geteilt wurden – jene kleinen Akte des Widerstands. Denn der Instinkt, Geschichten weiterzugeben, ist letztlich ein wesentlicher Teil des Menschseins. Und so mag irgendwo auf der Welt ein queeres Buch noch verboten sein oder ein Regal in einer Bibliothek geräumt werden – doch das Schreiben wird niemals verstummen, die Geschichten werden weiterhin geteilt, und die Hand wird immer wieder nach dem Stift greifen.
Empfohlene Lektüre
Jeanette Winterson, Why Be Happy When You Can Be Normal? (2011)
In diesem zutiefst bewegenden Memoir offenbart Jeanette Winterson die Erfahrungen, die ihren wegweisenden Roman Oranges Are Not the Only Fruit von 1985 geprägt haben. Der Titel des Buches geht auf eine reale Frage ihrer Adoptivmutter zurück, gestellt, als Winterson mit 16 Jahren offenbarte, dass sie lesbisch ist. Durch die Chronik von Vernachlässigung und Missbrauch, die sie als Kind erlebte, klingt die Stimme einer Frau, die unbeirrbar daran glaubt, dass der Schlüssel zum Glück darin liegt, offen und authentisch zu leben. Furchtlos, ergreifend und bisweilen erschütternd – ein Text, der einen unauslöschlichen Eindruck hinterlässt.
Robert Jones Jr, The Prophets (2021)
Robert Jones Jr.s Debütroman erkundet die Furchtlosigkeit der Liebe – selbst unter den schmerzhaftesten Umständen. Die Handlung spielt auf einer Plantage im Amerika der Vorkriegszeit und folgt dem Leben zweier versklavter Männer, die sich mit Bedrohungen innerhalb und außerhalb ihrer Gemeinschaft auseinandersetzen. Wechselnd zwischen Momenten zarter Intimität und erbarmungsloser Gewalt, endet dieser explosive Roman mit über zehn Seiten Danksagungen, die den schwarzen Schriftsteller:innen, Musiker:innen und Schauspieler:innen gewidmet sind, deren Mut und Kreativität Robert Jones Jr. ein Leben lang inspiriert haben.
Paul Tran, All the Flowers Kneeling (2022)
„Kunst zu schaffen bedeutet, für die Tatsache zu argumentieren, dass wir existieren“, sagt der Dichter Paul Tran, „dass wir eigene Gedanken und Gefühle haben, dass wir von Bedeutung sind.“ Dieses Credo durchdringt Trans Werk mit einer Dringlichkeit und einer belebenden Ehrlichkeit. Als Kind vietnamesischer Geflüchteter und Überlebender von Missbrauch erkundet Tran in diesem Debütband den Prozess der Wiederherstellung der eigenen Identität – durch innovative poetische Formen, die globale Politik mit persönlicher Erfahrung verweben.
Unterschied

In Gesellschaften, die von LGBTQIA+-Personen häufig verlangen, ihre Geschlechtsidentität oder Sexualität klar zu benennen, sind queere Menschen oft geübt darin, ihre eigenen Klappentexte zu verfassen – sei es, um sich zu offenbaren oder um sich zu verbergen. Doch während der Druck, persönliche Unterschiede öffentlich zu machen, mitunter erdrückend wirken kann, entfalten solche Geschichten, wenn ihnen der nötige Raum gegeben wird, eine vitale Kraft: Sie schenken Ermächtigung, Bestätigung und Freude. Diese Erzählungen des Andersseins können zudem neue Strömungen im Mainstream anstoßen – frische Kanäle für Selbstausdruck, Empathie und erhellende Ideen öffnen und den gewohnten Fluss mit einer Botschaft des Widerstands durchbrechen.
Da Diskurse zunehmend nuanciert werden und die Leserschaft queerer Literatur wächst, bieten LGBTQIA+-Narrative heute eine breitere Vielfalt an Perspektiven als je zuvor – aus einer lebendigen, diversen Communtiy. Es sind Geschichten, die nicht bloß geschrieben werden, um anderen ein gutes Gefühl zu geben oder „die Dinge geradezurücken“ – im Gegenteil: Sie zeigen eine deutliche Abneigung gegen alles Lineare. Ihr Ziel ist es, Gespräche, Fragen und Reflexionen anzustoßen über die Vielzahl von Erfahrungen, die das Ganze ausmachen.
In vergangenen Jahrzehnten wurde queere Literatur – abgesehen von einigen bemerkenswerten Ausnahmen – überwiegend von weißen, cisgender Autor:innen geprägt. Das bedeutete, dass die Regale mit LGBTQIA+-Literatur in durchschnittlichen Buchhandlungen oft nicht das wahre Spektrum der Community widerspiegelten. Heute jedoch hat sich die Vielfalt der veröffentlichten Autor:innen erheblich vergrößert – und damit die Möglichkeit für Leser:innen, zu erkunden, wie Alter, Ethnie, Religion, Geschlecht und soziale Klasse allesamt Themen sind, die sich mit der individuellen Erfahrung des queeren Lebens überschneiden. Von der Geschichte eines 74-jährigen karibischen Mannes, der seine Homosexualität verbirgt, in Bernadine Evaristos Mr Loverman (2013) bis hin zu den hoffnungsvollen Botschaften über Genderfluidität in Alok Vaid-Menons Beyond the Gender Binary (2020) haben uns die letzten zehn Jahre Bücher und Figuren geschenkt, die Genres und Stereotype sprengen – und das zu unserem großen Gewinn.
Damit weiterhin eine vielfältige Bandbreite queerer Geschichten erzählt wird, ist es entscheidend, dass Leser:innen jene Organisationen und Initiativen unterstützen, die unterrepräsentierte Stimmen fördern und stärken. Von ehrwürdigen queeren Buchhandlungen wie Gay’s The Word in London und Okamalt in Tokio bis hin zu Literaturpreisen, Stipendien und Verlagsinitiativen wie Penguin Pride – all diese Einrichtungen und Programme sind auf unsere Unterstützung angewiesen, um das Wort zu verbreiten, die Diskussion zu beleben und vielleicht sogar selbst einen Beitrag zum wachsenden Kanon queerer Geschichten zu leisten, sollte die Inspiration uns ergreifen.
Empfohlene Lektüre
Sharan Dhaliwal, Burning My Roti: Breaking Barriers as a Queer Indian Woman
Teils Memoir, teils Handbuch – dieses Buch möchte eine neue Generation südasiatischer Frauen inspirieren und behandelt Themen wie Sexualität, Identität, Älterwerden, Colorism und mentale Gesundheit. Die Sammlung aus Essays, Interviews und Reflexionen basiert auf den Grundlagen von Burnt Roti – einer Online- und Print-Publikation, die von Dhaliwal gegründet wurde und Beiträge eines breiten Spektrums südasiatischer Kreativer präsentiert.
Paul Mendez, Rainbow Milk
„Wann haben Sie zuletzt einen Roman über einen jungen, schwarzen, schwulen Zeugen Jehovas aus Wolverhampton gelesen, der seine Community verlässt, um sich in London als Prostituierter durchzuschlagen?“, fragt Bernadine Evaristo auf dem Umschlag von Paul Mendez’ Debütroman. Wie Evaristo hervorhebt, ist diese furchtlose und zugleich zutiefst zarte Coming-of-Age-Geschichte eine, die verdeutlicht, wie Rasse, Klasse und Religion die Erfahrungen eines queeren Menschen prägen. Eine einzigartige Erzählung, die dazu anregt, über die Vielzahl von LGBTQIA+-Lebensrealitäten nachzudenken.
Callum Angus, A Natural History of Transition
Diese Sammlung von Kurzgeschichten nutzt die Natur als Allegorie für die trans Erfahrung – mit fantastischen Erzählungen, in denen Menschen sich in Berge verwandeln, Kokons gebären und die Geheimnisse ihrer Heimatstädte entwirren. Angus, der in Portland, Oregon lebt, schreibt Geschichten, die ebenso metamorphisch sind wie seine Figuren: Sie verändern Stil und Form, um restriktive Vorstellungen über das trans Sein aufzubrechen.
Weiterführende Infos
Entdecken Sie weitere LGBTQIA+-Titel, Autor:innen-Interviews, eine Pride-Playlist sowie Informationen zu den Aesop Queer Libraries weltweit.
Geduld

Die vergangenen Jahre erforderten für viele Menschen eine vorübergehende Veränderung des Tempos – sei es durch eine Zunahme an Aktivitäten, vom Homeschooling bis hin zur intensiveren Fürsorge für Freund:innen und Angehörige, oder durch die Herausforderungen, die mit der Aufrechterhaltung einer selbstdisziplinierten Routine im Homeoffice verbunden waren. Wie auch immer die Umstände aussahen: Überall waren Menschen gezwungen, sich einer neuen und ungewohnten Lebensweise zu fügen und einen Großteil der Kontrolle aufzugeben, die sie zuvor über bestimmte Bereiche ihres Lebens ausgeübt hatten.
Nun, da die Beschränkungen endlich aufgehoben sind, bringt die Rückkehr ins öffentliche Leben eine neue Reihe von Herausforderungen mit sich. Viele werden freudig das Schlendern über Marktstände, das Essen in Restaurants und den Besuch von Live-Konzerten begrüßen. Doch selbst die geselligsten Seelen könnten noch anfällig für ein Gefühl der Beklommenheit sein. In solchen Fällen empfiehlt Aesop einen Ansatz der Geduld und radikalen Mitmenschlichkeit – die Kunst, die Reise ebenso zu genießen wie das Ziel.
Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Moderne Gesellschaften sind darauf konditioniert, die Tugenden von Geschwindigkeit und Produktivität zu belohnen. Und obwohl solche Tendenzen ihren Platz haben – sowohl für das Funktionieren von Volkswirtschaften als auch für das Management des persönlichen Wohlbefindens –, ist das Gegenteil ebenso wichtig. Glücklicherweise war es nie einfacher, die Kunst der Geduld zu kultivieren, dank einer wachsenden Fülle an Forschung und Literatur, die sich der Entdeckung ihrer vielfältigen Vorzüge und Belohnungen widmet.
Empfohlene Lektüre
Toby Litt, Patience
Dieses zarte und zugleich witzige Werk vermeidet kunstvoll jede Sentimentalität und stellt die Freundschaft zweier Jungen in den Mittelpunkt, die in den 1970er-Jahren in einem Waisenhaus leben. Der erste, Elliott, ist an den Rollstuhl gebunden. Der zweite, Jim, ist blind und stumm. Gemeinsam – und innerhalb der Grenzen ihrer jeweiligen Behinderungen – entwickeln die beiden langsam und methodisch eine eigene Form der Kommunikation, die letztlich die strenge Autorität ihres Umfelds infrage stellt.
Daniel Kahneman, Thinking, Fast and Slow
Das Tempo des modernen Lebens lässt selten Raum für stille Gedanken und tiefgehende Reflexion. In der Folge lernen viele Menschen, auf ihre Umgebung zu reagieren, statt in einer Weise zu antworten, die konstruktiv oder zielführend wäre. In diesem bahnbrechenden Werk und internationalen Bestseller versucht der Psychologe Daniel Kahneman, dieser Tendenz entgegenzuwirken. Er fordert seine Leser:innen dazu auf, eine bewusstere, bedachtere Art des Denkens zu kultivieren – eine Denkweise, die zu größerem gesellschaftlichem Zusammenhalt und zu mehr Glück beiträgt.
Jenny Odell, How to Do Nothing
Ein origineller und prägnanter Text, der einen Ausstiegsplan für all jene entwirft, die unter den Folgen von Überstimulation und übermäßiger Exposition gegenüber digitaler Kommunikationstechnologie und sozialen Medien leiden. Odell schreibt mit Kraft und Überzeugung und liefert ein Buch, das teils Selbsthilfemanual, teils revolutionäres Traktat ist. In einer Gesellschaft, die auf Verkehr, Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit setzt, könnte der radikalste Akt von allen darin bestehen, fast nichts zu tun.
Koexistenz

Aesop hat der natürlichen Welt stets Ehrfurcht und Respekt erwiesen – von der üppigen Begrünung und gelegentlichen Haufen herbstlicher Blätter in den Stores bis hin zur Entwicklung veganer und tierversuchsfreier Formulierungen. Die Priorisierung von Nachhaltigkeit – heute und in Zukunft – erfordert jedoch die Bereitschaft, die Erfahrungen von Gemeinschaften aus aller Welt zu verstehen, die jede auf ihre eigene Weise den Klimawandel bekämpfen. Schließlich wird eine nachhaltigere Zukunft auf Kooperation statt Konkurrenz beruhen, und Kommunikation wird der Schlüssel sein.
Aesop hat der natürlichen Welt stets Ehrfurcht und Respekt erwiesen – von der üppigen Begrünung und gelegentlichen Haufen herbstlicher Blätter in den Stores bis hin zur Entwicklung veganer und tierversuchsfreier Formulierungen. Die Priorisierung von Nachhaltigkeit – heute und in Zukunft – erfordert jedoch die Bereitschaft, die Erfahrungen von Gemeinschaften aus aller Welt zu verstehen, die jede auf ihre eigene Weise den Klimawandel bekämpfen. Schließlich wird eine nachhaltigere Zukunft auf Kooperation statt Konkurrenz beruhen, und Kommunikation wird der Schlüssel sein.
Von Design bis Philosophie, von Poesie bis Memoir widmen sich mehr Autor:innen denn je der Frage, wie unsere Spezies mit ihrer Umwelt interagiert – und den vielfältigen Weisen, in denen die Natur zurückgibt: indem sie der Menschheit Nahrung und Zuflucht bietet. Die folgenden Texte, die vom Kanonischen bis zum Zeitgenössischen reichen, sind unverzichtbare Lektüre für alle, die gemeinschaftlich denken und ökologisch bewusst handeln.
Empfohlene Lektüre
Entangled Life von Merlin Sheldrake
Dieses bahnbrechende Werk eröffnet den Leser:innen die ansonsten verborgene Welt der Myzel-Systeme und hat populäre Vorstellungen von Natur revolutioniert. Von „Kommunikationssystemen“ tief unter dem Waldboden bis zur Schönheit, die aus Verfall entsteht: Pilze, Schwämme und Fliegenpilze werden verwandelt – von makabren Kuriositäten und Märchenmotiven zu einem der faszinierendsten Aspekte unserer realen Welt.
Ecology of Wisdom von Arne Næss
Als grundlegend für die moderne Umweltbewegung betrachtet, wird dem Philosophen Næss zugeschrieben, eine ganzheitlichere und umfassendere Sicht auf die Natur und den Platz der Menschheit in ihr etabliert zu haben. In dieser Sammlung erhalten Leser:innen neue Perspektiven auf die Umwelt sowie philosophische Lehren und Vorschläge für eine harmonischere und friedlichere Lebensweise – alles erzählt mit Großzügigkeit und feinem Witz.
The Outrun von Amy Liptrot
Teils Genesungs-Memoir, teils Reflexion über die heilende Kraft der Natur, vermittelt dieses unvergessliche Buch die unauflösliche Beziehung zwischen Individuum und Umwelt. Es reiht sich ein in die Werke von Robert Macfarlane und Ali Smith – beide verbunden mit dem sogenannten „New Nature Writing“ – und verschiebt die formalen Grenzen zwischen Roman, Biografie und psychogeografischem Anteil. Erfahren Sie von den Monolithen Orkneys, einem seltsamen, halluzinatorischen Phänomen namens fata morgana und der stärkenden Praxis des Kaltwasserschwimmens.
Frau-Sein

Indem wir diese Titel teilen, eröffnet sich uns zugleich die Möglichkeit, über einige der Fortschritte in der Geschlechtergerechtigkeit des vergangenen Jahres nachzudenken. Im Jahr 2021 wählten acht Länder Frauen in das höchste Amt, darunter Barbados, Schweden, Tunesien, Moldau, Samoa, Kosovo, Tansania und Estland, während Ngozi Okonjo-Iweala, eine nigerianische Staatsbürgerin, als erste Frau und erste Afrikanerin die Leitung der Welthandelsorganisation übernahm. Repräsentation allein bleibt jedoch weitgehend wirkungslos ohne den Willen zu politischen Maßnahmen, die die Rechte von Frauen fördern und schützen. In diesem Sinne traten sowohl die Schweiz als auch Chile der Liste der Länder bei, die die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare legalisierten, während Spanien Gesetze bezüglich Vergewaltigung erweiterte, die alle nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen einschließen.
In Kunst und Kultur wurde Chloe Zhao die erste Woman of Colour, die den Oscar für die beste Regie für ihren Film Nomadland gewann, und die Olympischen Spiele in Tokio verzeichneten eine Rekordbeteiligung von 49 % Frauen.
Diese Errungenschaften sollen gefeiert werden, doch leider ist der Kampf für jene, die Simone de Beauvoir kritisch als das „zweite Geschlecht“ bezeichnete, noch lange nicht beendet. Misogynie besteht fort – in hartnäckigen Lohnunterschieden, systematischer Belästigung von Frauen und einer enormen Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung, um nur einige der Probleme zu nennen, die das Leben für fünfzig Prozent der Bevölkerung so schwierig machen.Daher die Notwendigkeit, weiter zu lesen, uns mit so viel Weisheit und Wissen wie möglich zu wappnen, um die Frauen besser zu unterstützen, die wir lieben, bewundern und denen wir so viel zu verdanken haben.
Diese Errungenschaften sollen gefeiert werden, doch leider ist der Kampf für jene, die Simone de Beauvoir kritisch als das „zweite Geschlecht“ bezeichnete, noch lange nicht beendet. Misogynie besteht fort – in hartnäckigen Lohnunterschieden, systematischer Belästigung von Frauen und einer enormen Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung, um nur einige der Probleme zu nennen, die das Leben für fünfzig Prozent der Bevölkerung so schwierig machen.Daher die Notwendigkeit, weiter zu lesen, uns mit so viel Weisheit und Wissen wie möglich zu wappnen, um die Frauen besser zu unterstützen, die wir lieben, bewundern und denen wir so viel zu verdanken haben.
Empfohlene Lektüre
All About Love von bell hooks
Die Theoretikerin, Aktivistin und Feministin bell hooks schrieb im späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhundert umfangreich über die miteinander verflochtenen Themen Geschlecht, Sexualität und soziale Klasse. In All About Love stellt sie die schädlichen Geschlechterstereotype infrage, die durch populäre Fiktion und deren Betonung des Ego gefördert werden. Sie schlägt vor, traditionelle Vorstellungen von Romantik zu verwerfen, Männer zu ermutigen, sich mit ihren Emotionen zu verbinden, und Frauen darin zu bestärken, ein höheres Maß an Respekt einzufordern.
Sister Outsider von Audre Lorde
In dieser Sammlung aus Essay und Memoir plädiert die Dichterin und Theoretikerin Audre Lorde für emotionale und intuitive Intelligenz. Häusliche Weisheit und gesellschaftliches Gewissen – historisch als Domäne der Frau betrachtet – wurden herabgewürdigt (siehe: „Soft Skills“). Hier stellt Lorde diese Sicht infrage und fordert uns auf, die vitale Bedeutung solcher Weisheit und die unbeugsame Entschlossenheit der Matriarchin, der Hausfrau und des Mädchens zu bedenken.
The Transgender Issue von Shon Faye
The Transgender Issue by Shon Faye
Erst 2021 veröffentlicht, hat Shon Fayes Debüt breite Anerkennung gefunden und sich sofort als Klassiker etabliert. Mit ihrem umfassenden historischen und politischen Wissen legt Faye großzügig dar, warum Transgender-Personen einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft verdienen, und zwingt uns, zu einem vollständigeren und umfassenderen Verständnis von Recht, Menschenrechten sowie zahlreichen philosophischen Aspekten von Moral und populärer Ethik zu gelangen.
‘Although they are / Only breath, words / which I command / are immortal.’


